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Willkommen auf den Webseiten des Bolivienprojekts

42_6402_0040.thumb.jpg Das Bolivienprojekt wird seit einigen Jahren von jungen, motivierten Menschen organisiert, die ein freiwilliges soziales Jahr oder ihren Zivildienst in der Fundacion Cristo Vive leisten.

Da in den Sommerferien (Januar/Februar) die meisten Einrichtungen, wo wir jungen Leute arbeiten, geschlossen sind, haben wir die Möglichkeit, unser eigenes Projekt im Nachbarland Bolivien zu organisieren.


Die Paseos
Geschrieben von Julian   
Sunday, 13 February 2005


Das Anliegen der Paseos (Ausflüge) ist relativ simpel. Wir wollen den Kindern etwas bieten, das sonst für sie absolut unmöglich ist: Ihrer gewohnten Umgebung, den Heimen, zu „entfliehen“ und jedem Einzelnen ein unvergessliches Erlebnis zu bieten.

Die Kinder haben unter normalen Umständen so gut wie nie die Möglichkeit, das Heim zu verlassen. Das Einzige, was sie von der Außenwelt kennen, ist der Schulweg. Die Heimmauern gleichen eher denen eines Gefängnisses als einem „Heim“, in dem Kinder wohnen. Diese Selbstverständlichkeit, die Welt zu entdecken, wollen wir den Kindern mit unseren Ausflügen, so weit es in unserer Macht steht, zurückgeben.


Paseo der Mayores (Älteren) in den Parque Turinami

Leider war meine Wenigkeit für diesen Paseo außer Gefecht gesetzt (mit knapp 41 oC Fieber im Bett), deshalb stammen die Informationen für diesen Paseo nicht aus erster Hand, was den Bericht aber auf keinen Fall schlechter machen soll. (Dank an Tobias Spangenberg!) Schon im Bus tritt die erste und hoffentlich einzige Unregelmäßigkeit auf. Statt der ausgewählten 12 Kinder grinsen uns (Martha, Tobias S., Simon, Jan) 15 Kinder an. Macht nichts, südamerikanische Spontaneität färbt ab. Also ein Zelt und drei Schlafsäcke mehr eingepackt und auf geht’s. Der Bus fährt uns aus der Talsohle, in der Cochabamba liegt, hinauf in die Berge. Unser Ziel der Parque Turinami, eine Stiftung eines Herrn Turinami, der sein Geld Anfang des letzten Jahrhunderts im Bergbau gemacht hat. Nach gut einer Stunde Busfahrt sind wir da und die Kinder stürzen aus dem Bus heraus. Bergauf geht es zu einer Lichtung, auf der wir unser Lager aufschlagen. Die erste positive Überraschung: die Kinder bauen ihre Zelte vollkommen selbstständig auf und hören gut auf das, was wir sagen. Nachdem unser Lager fertig ist, gibt es Brotzeit. Brötchen mit Salami und Käse. Mit einem selten zuvor gesehenen Heißhunger stürzen sich die Jungen auf die Nahrung. Für sie gleicht diese Mahlzeit einem Festmahl und ist etwas wirklich Besonderes. Wann sonst bekommen sie Salami UND Käse. Ihr Frühstuck besteht meinst nur aus einem trockenen Brötchen und ein wenig Tütenmarmelade. Natürlich haben wir viel zu wenig mitgenommen und jeder einzelne hätte sicherlich noch mal das Doppelte essen können. Trotzdem wirken sie nach dem Essen glücklich und zufrieden. Danach geben wir den Kids (12-17 Jahre) eine Anweisung, die scheinbar ein absolutes Novum darstellt. Die Aufgabe: Macht was ihr wollt, seit nur in 3 Stunden wieder zurück. Unsere Schützlinge scheinen im ersten Moment vollkommen überrumpelt von der Situation. Einige fragen sogar ungläubig, ob nicht noch Arbeit zu machen sei. Als sie jedoch merken, dass wir es ernst meinen, sind sie schon nach wenigen Momenten im Unterholz verschwunden. Während die Kinder sich im Wald vergnügen, planen wir die das große Geländespiel, das wir vorbereitet haben. Mit dabei alte Bekannte wie „Capture the flag“ oder Insektensuche, aber auch Dinge wie einen 2m hohen Turm zu konstruieren. Nach 3 Stunden kommen die Kinder vollzählig und pünktlich zurück und wir beginnen mit den Spielen. Leider klappen diese nicht 100% wie geplant, was dem Spaß, den alle hatten, aber keinen Abbruch tut. Um 18:00 beginnen wir mit dem Lagerfeuer, auf dem wir auch das hoch delikate (und kreative) Essen vorbereiten. Spaghetti mit Tomatensoße. Nach dem Essen setzen wir uns alle zusammen um das Lagerfeuer, für das die Kinder unermüdlich neues Holz anschleppen. Von sich aus beginnen schon kurze Zeit später uns die Kinder mit einer existenziellen Frage zu bombardieren: Wann müssen wir ins Bett?! Mindestens eben so ungläubig wie auf die 2 Stunden Freizeit reagieren sie auf unsere Antwort: Geht ins Bett wann ihr wollt, steht auf wann ihr wollt. Der Abend schreitet gemütlich voran und nachdem Tobi, unerschrocken wie er ist, nach einem seiner typischen Stammestänze ums Lagerfeuer die Flammen mit einem todesmutigen Sprung überquert hat, wird dies auch bei den Kindern zur Hauptattraktion des Abends. Bis spät in die Nacht hinein sieht man johlende Kinder über das Feuer springen. Um kurz vor Mitternacht fällt dann auch der letzte „Springer“ erschöpft ins Bett und wir Voluntarier tun es ihnen kollektiv gleich. Denn schon am nächsten Morgen um halb sechs lässt sich die erste Kinderstimme vernehmen. Zwei Stunden später trauen wir uns dann auch aus dem Zelt hinaus und können unseren Augen kaum trauen. Die Jungen haben ein hochofenartigen Komplex gebaut, Heilkräuter gesammelt und Feuer gemacht Das Einzige, worum sie bitten, sind einige Apfelschalen für den Tee und Wasser. So vergeht auch der Vormittag und während des Abstiegs kommt uns noch eine Idee für ein Spiel. Die zwei Gruppen vom Vortag sollen Heilkräuter sammeln und uns ihre Funktion erklären. Als Belohnung winken Bonbons und Lollies. Das Ergebnis ist verblüffend: von Kräutern, die gut für den Magen sind, bis zu solchen, die Zahnschmerzen vertreiben, ist alles dabei. Unten angekommen wartet eine weitere Überraschung auf die Kinder. In einem nahe gelegenen, traditionell bolivianischen Restaurant haben wir Mittagessen bestellt. Die Kinder freuen sich überschwänglich und essen mit dem uns mittlerweile gut bekannten Heißhunger. Auf die Stunde genau kommt dann auch unser Truffibus, der uns alle erschöpft aber glücklich nach „Hause“ bringt.

 


Paseo Menores ( die süßen Kleinen) in die „Finca de Aves“

 Vier Voluntarier, 16 kleine Biester. Das sind die knallharten Fakten dieses Paseos. Glücklicherweise muss ich diesen Artikel nicht so beginnen. Zwar waren wir nicht mit Engelchen unterwegs, aber Biester trifft noch weniger zu. Das Ziel dieses Paseos ist die „Finca de Aves“ (eine Art Vogelfarm), die einem sehr wohlhabenden Freund Marcellos, dem bolivianischen Psychologen der, uns beratend zur Seite steht, gehört. Nach Überwindung der Absurdität, dass in einem Land wie Bolivien, in dem ein großer Teil der Bevölkerung hungert, es sich ein Mann zum Hobby macht, exotische Vögel zu sammeln, kann es losgehen. Wir erreichen das mehrere Hektar große Gelände von „Don Romario“ gegen Mittag.
Nach dem Zelteaufbauen, das mit den Kleinen leider ein wenig zum Chaos ausartet, „servieren“ wir Mittagessen. Alle Kinder sind während des Essens mucksmäuschenstill und fragen artig nach jedem Stück Brot, das sie sich nehmen. Nach dem Mittagessen lassen wir die Kinder ein wenig selbstständig das Gelände erkunden und machen danach alle zusammen einen Rundgang. Kurz darauf werden wir von einem der fest angestellten Arbeiter, einem vielleicht 14 jährigen Jungen, gerufen: Wir könnten uns jetzt die Vögel angucken. Bei den Vogelkäfigen treffen wir das erste und einzige Mal auf deren Besitzer Don Romario. Dass ich ihn im ersten Moment mit George Bush senior ansprechen will kommt nicht von ungefähr. Mit Texascowboyhut und Machopose steht ein vielleicht 70 jähriger Mann vor mir, der sich nicht um die Begrüßungen der Kinder schert, sondern nur panisch darauf bedacht ist, dass die Kinder nichts kaputtmachen. Im Stillen fragen wir uns, warum wir überhaupt eingeladen wurden. Die Vögel entschädigen jedoch für diesen etwas seltsamen Auftritt. Es besteht eine fantastische Variabilität. Von Flamingos über Pfaue bis hin zum deutschen Buntspecht ist alles dabei. In einem Farbspektrum, welches seines gleichen sucht und wohl schwierig findet wird. Der nächste „Programmpunkt“ nach kurzer Besichtigung des Hauslamas, das uns Voluntarier scheinbar deutlich mehr beeindruckt als die Kinder, sind Spiele. Staffellauf, Plumpsack, Tuttifrutti und Konsorten. Die Erkenntnisse, die ich hieraus ziehe: Laufe nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit auf 3000m Höhe! Am Abend grillen wir und werden wieder einmal belehrt wie viel, ein kleiner Junge mit sechs Jahren in sich hineinstopfen kann, wenn es ihm schmeckt. Schnell sind 9 Kilo Kartoffeln und 4 Kilo Fleisch vernichtet. Glücklicherweise rettet uns das Stockbrot vor hungrigen Kindern. Um acht beginnen die ersten der kleinen Engel dann auch laut gähnend ins Zelt zu wandern. Doch wer glaubte, jetzt sei Ruhe, hat sich verschätzt. Die „Party“ wurde nur ins Zelt verlagert. Doch wir lassen sie machen. Wann haben diese Kinder hierzu wohl das nächste Mal die Möglichkeit? Am nächsten morgen um sieben weckt uns Kindergeschrei. An ein Weiterschlafen ist nun nicht mehr zu denken. Also raus aus dem Zelt, den Müll vom Vorabend zusammen mit den Kindern weggeräumt und Frühstuck vorbereitet. Die Gestaltung des Vormittags überlassen wir den Jungen. Wild kreischend verabschieden sie sich. Um zwölf machen wir uns dann vollzählig wieder auf den Weg zurück ins Heim. Nehmen gemeinsam Abschied von dem Zeltplatz, den Vögeln und dem hoheitlich aufgerichteten Lama und kommen um 13:00 im „Heim“ an.

 


Paseo mit den Especiales (Behinderten) zu den heißen Quellen von Liriuni.

Dieser Paseo ist chronologisch gesehen der letzte. Mit dabei 18 Behinderte, von leicht geistig bis schwer körperlich, 8 Kinder die bisher auf keinem der beiden anderen Paseos waren und alle Voluntarier, die am Ausflugstag gesund waren. Dies waren 13 von 18. Die Fahrt beginnt mit einem GAU. Beim Verlassen des Heimgeländes reißt der gemietete Mikro einen Teil des Tores des Alexander Magno ein. Der Anfang scheint zum Ende geworden zu sein. Doch Tia Tanja, eine der Educadoras (Erzieherinnen) die uns begleitet, beruhigt uns: Darum sollten wir uns später kümmern. Hinauf geht es über ein nicht asphaltiertes Etwas, das mehr Schlagloch als Strasse zu seien scheint, in die Berge. Wir durchqueren das Dorf Bellavista, in dem unsere Fundación weitere Projekte unterstützt, und bleiben vor einem Sturzbach stehen. Kann der Mikro hier wirklich durch? Getreu der Parole „Probieren geht über Studieren“ gibt unser Fahrer Gas. Und Oh Wunder, wir erreichen die andere Flussseite trockenen Fußes aber um einige Nerven ärmer. Die letzten Meter bis zu den Quellen sind dann auch schnell geschafft und mit zitternden Händen verlassen wir den Bus. Die erste Erkenntnis: weniger als die Hälfte der Kinder hat Badesachen dabei, obwohl mit einem Betreuer abgesprochen war, dass dieser die Sachen zusammenpackt. Also heißt es, mit Unterhose zu baden. Doch die Thermalquellen beruhigen unser strapaziertes Gemüt und auch die Kinder amüsieren sich königlich. Besonders die Behinderten scheinen im Wasser richtig aufzugehen und planschen vergnügt. Unsere Bedenken, dass sich das Wasser der Becken schnell gelb verfärben wird, bestätigen sich glücklicherweise nicht. Auch wenn dies für die meisten Kinder heißt, kurz das Wasser zu verlassen und ihre Notdurft direkt neben die Becken zu verrichten. Nach 3 Stunden im Wasser ist dann auch der größte Spaß vorbei und unter lautem Murren verlassen die Kinder das Wasser. Danach gibt es noch einmal Speis und Trank und Epanadas auf der Rückfahrt Richtung „Heim“. Fazit: Für mich waren alle drei Paseos ein großer Erfolg. Die Kinder haben sich amüsiert, es gab keine größeren Probleme, von einstürzenden Neubauten einmal abgesehen, und auch uns haben die Paseos viel Freude bereitet. überraschend und ungewohnt war, dass die Kinder, besonders bei dem Paseos der Mayores, bei jeder Kleinigkeit nachgefragt haben. Dies hatte sicherlich einen positiven Effekt, da so die Verteilung der Vorräte deutlich einfacher fiel, zeigt aber auf der anderen Seite, wie sehr die Kinder vom Heimleben geprägt sind. Dieses scheint zu wenig Selbstständigkeit zu erziehen und schafft neue Abhängigkeiten. Abgesehen von diesem Effekt hat Marta, die auf dem Mayores Paseo dabei war, die Beobachtung gemacht, dass die Jungen nach einiger Zeit viel mehr sie selbst zu seien schienen und ihrer eigenen Persönlichkeit Ausdruck verleihen konnten. Dies ist wohl eingesperrt hinter 5m hohen, stacheldrahtbesetzten Kinderheimtoren selten möglich. Denn nur Freiheit führt zur (Selbst-)Verwirklichung.

Letzte Aktualisierung ( Monday, 14 February 2005 )
 
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