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Trauriger Alltag
Geschrieben von Julian Schindele   
Thursday, 03 February 2005

Vorsicht Lamas!Freitag 22:30

 

Erschöpft vom 7-stündigen Cancha-Besuch, dem großen Markt von Cochabamba, auf dem sich alles finden lässt, der Besuch aber immer zur berühmten Suche der Nadel im Heuhaufen ausartet, trotten Simon und ich die Straße zum Hogar „Alexander Magnus“ hinunter. Wir tragen schwer an unseren Wanderrucksäcken, gefüllt mit Schätzen wie Krepppapier, Glasperlen und was man sonst noch braucht, um eine Horde von 60 Kindern zu unterhalten.

Schon von weitem sehen wir eine kleine Gruppe von Bolivianern, die wild gestikulierend vor dem Eingang des Kinderheims stehen. Erschöpft und desinteressiert versuchen wir uns an den Leuten vorbei zu schieben, den heißen Tee und das wohlverdiente Abendessen vor Augen. Der Zustand des Desinteresses wird jedoch abrupt unterbrochen, als wir das zusammengekauerte Häufchen Elend direkt vor dem Eingang sehen.

Alexandra, die gerade dabei ist, das höchstens 10-jährige Mädchen zu beruhigen, berichtet uns, dass Maria (Name von Red. geändert) von zu Hause weggelaufen sei und diesen Abend aufgegriffen wurde. Die scheinbar Älteste der 4 Bolivianer erzählt uns aufgeregt, dass sie schon zuvor im Mädchenheim Maria Christina gewesen seien, dort aber abgewiesen wurden und nun ihre letzte Hoffnung das Alexander Magnus sei. Der alten Dame und ihren Begleitern fällt sichtbar ein Stein vom Herzen als wir, selbstverständlich, einwilligen, uns des kleinen Mädchens anzunehmen. Mit den Worten: „Nun kann ich beruhigt schlafen, da ich sie in guten Händen weiß,“ verabschieden sie sich.

Doch unsere Hoffnung, die kleine Maria über Nacht im Hogar zu behalten und mit ihr dann am darauffolgenden Morgen zur Polizei zu gehen, wird im Nu zerstört. Denn die leitende „Nachtwächter-Tía“ meint, dass wir noch heute die Polizei kontaktieren müssen. um die notwendigen Papiere zu erhalten. Gesagt - getan, schnell ruft Eva in der nächstgelegenen Polizeistation an und wir warten.....

Während wir warten, versucht Alexandra. sich ein wenig mit unserem „Gast“ zu unterhalten. Die Kleine erzählt, dass sie erst heute Nachmittag weggelaufen sei, 4 Sunden durchgerannt ist und dann hier auf der Strasse herum geirrt ist, bis sie aufgegriffen wurde. Auf die Frage, warum sie von zu Hause abgehauen sei, antwortet sie, dass sie und ihre beiden Brüder ständig von ihrer Mutter mit Schlägen malträtiert wurden und dass sie deshalb auch schon versucht hat, sich umzubringen.

Betroffen verstummen wir. Wie muss es einem so jungen Wesen ergangen sein, dass es so verzweifelt ist schon am Anfang seines Lebens, eben dieses zu beenden?!

 

Nach einer halben Stunde ist die Polizei immer noch nicht aufgetaucht, und wir sehen uns mal wieder in einem Vorurteil bestätigt. Also machen sich Eva, Christoph und Alexandra zusammen mit einer Tía auf, um die kleine Maria zur Polizeistation für häusliche und interfamiliäre Gewalt zu bringen.

Alexandra erzählt, wie es ihnen ergangen ist:

Um ins Polizeirevier zu kommen, mussten wir über einen nicht erleuchteten Parkplatz in einen Hinterhof gehen, für mich schon unheimlich, für Maria jedoch ein weiterer Horrortrip. Ihre Hand verkrampfte sich so stark um die meinige, dass es mir ernsthaft weh tat.

Die Einrichtung des Büros, in das wir geführt werden, ist spartanisch. Auffällig thront ein riesiges Plakat an der Wand, auf dem eine aufgeschlagene Bibel und zwei zusammenhängende Eheringe nebeneinander auf einem Altar liegen. In großen Lettern steht dort auf Spanisch: Was Gott vereint hat, darf der Mensch nicht trennen. Man bedenke, unter was für Umständen wohl die meisten Menschen in eine Polizeistation für häusliche Gewalt kommen!

Die diensthabende Polizeibeamtin passte gut zu ihrem Umfeld. Unfreundlich und gelangweilt nahm sie die Daten Marias auf und erklärte uns, dass es am Wochenende keine Möglichkeit gäbe, sie in ein Heim zu schicken. Jedoch werde ihr, zusammen mit anderen Kindern, die in den letzten Tagen aufgegriffen wurden, eine Art Übergangszelle zur Verfügung gestellt. Und ja, in diesem Raum schlafen momentan 6 Kinder verschiedenen Alters, geschlechtlich gemischt. Auf unsere Bedenken zur sexuellen Gewalt erwidert sie lapidar, dass so etwas noch nicht vorgekommen sei.

 

4 Tage später ruft Alex ein weiteres Mal in der Polizeistation an, um sich über den Verbleib des Mädchens zu informieren und darüber, ob eine Möglichkeit bestehe, es zu besuchen. Sie wird vorgeladen zur „ Defensiva de Menores“, einer Art Jugendamt. Dort wird ihr nach ausführlicher Erläuterung der Situation ein Besuch gestattet. Am kommenden Freitag soll sie um elf in einem Kinderheim etwas außerhalb auftauchen, ihr Besuch werde dort angekündigt.

Völlig überrascht, was eine „Gringa“ in einem Kinderheim macht, wird Alexandra von großen neugierigen Kinderaugen empfangen. Sich den Weg durch die Kinder bahnend findet Alex die kleine Maria.

Diese freut sich überschwänglich, von einer ihrer Retter besucht zu werden und erzählt, dass es ihr nun im Heim ein wenig besser gehe. Sie müsse sich aber mit 2 anderen Mädchen ein Bett teilen und statt der Eltern werde sie jetzt von den großen Mädchen im Heim geschlagen.....

Letzte Aktualisierung ( Monday, 21 March 2005 )
 
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