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Die Ankunft
Geschrieben von Julian   
Monday, 17 January 2005

Der Bus war leider zu hoch für dieses Tor! 

Die ersten Schritte auf bolivianischen Boden landen im Matsch. Die erste Bekannstschaft mit der bolivianischen Regenzeit, die uns wohl die kompletten zwei Monate unseres Aufenthaltes begleiten wird.

 

Nach dem Ausladen unseres Gepaecks folgt eine kleine Odyssee zu unseren Heimen. Die Taxifahrer, die sich kaum besser in ihrer Stadt auszukennen scheinen als wir, fahren uns durch die halbe Stadt bevor wir eher zufaellig auf das Maedchenheim Maria Christina stossen. Danach besitzen sie sogar noch die Dreistigkeit, uns fast das Doppelte des ausgemachten Fahrpreises aus den Taschen zu ziehen, da die Fahrt ja so furchtbar lange gedauert hat.

Das erste, was wir im Heim erfahren, ist, dass die Maedchen erstmal im Maedchenheim bleiben muessen, da der Direktor des Jungenheimes, ein strenger Zeuge Jehovas, Angst vor deren “naechtlichen Umtrieben” hat.

Diese Nachricht ersteinmal schluckend, fallen wir alle, nachdem wir Christiane und Niko begruesst haben, die schon einige Tage frueher angereist waren, vollkommen ausgelaugt ins Bett.  

Nach einer viel zu kurzen Nacht sehen wir das erste Mal wo wir uns wirklich befinden. Was gestern noch einem riesigen Schlammloch glich, laesst sich heute als Spielplatz ausmachen. Mit Anerkennung begegnen wir der hier gebauten Anlage, die von Voluntariern 2 Generationen vor uns stammt und ebenso dem riesigen Gemaelde Alexander des Grossen, der ueberdimensional auf uns herabstarrt.

Kurz darauf trudeln auch schon unsrer “Maedels” ein und wir begeben uns in den Speisesaal, indem uns die knapp 60 Kinder des Alexander Magnus mit Spruchbaendern und Liedern begrussen. Eine schoene, ergreifende Szene.

 

Betreut werden diese Kinder, von denen die meist Vollwaisen sind, von momentan 6 Nonnen und 4 Novizinnen eines mexikainischen Ordens. Das Personal befindet sich zur Zeit im Urlaub. Doch genau darum erzaehlt Nikolas, der schon im letzten Jahr hier war, scheint es deutlich besser zu laufen. Die Kinder wirken auf ihn ausgeglichener, weniger agressiv und scheinen deutlich besser zu hoeren. Dazu wirkt das ganze Heim deutlich sauberer und aufgeraeumter.

 

Wir fruehstucken zusammen mit den Kindern und es kommen erste Zweifel an den muehsam erworbenen Spachkentnissen auf. Warum versteht mich fast keines der Kinder und umgekehrt?! Erst da faellt mir ein, dass viele der Kinder Quechua sprechen, die Spache der Hochlandindianer, und kaum ein spanisches Wort.

 

Nach dem Fruehstueck fuehrt uns eine der Nonnen durch das Jungenheim. Durch den Schlafraum der Juengeren, in dem ein grosser Teil der Fenster fehlt und wo sich ein starker Uringeruch breit macht. Ueber den hinteren Teil des Patios (Hof), der einer riesigen Muellhalde gleicht. Meterhoch gestapelt liegen hier alte Bettgestelle, Klosetts, Bauschutt und was sonst noch so bei einer kompletten Hausentkernung anfallen koennte.

Jedoch begegen uns auch immer wieder positive Ueberraschungen, man koennte fast sagen Lichtblicke. So zum Beispiel der Raum fuer die “niños especiales” (Behinderten), der von Marcello, einem Psychologen, den die vorherige Voluntariergeneration mithilfe der Spendengelder eingestellt hat, betreut wird. Dieser ist farbenfroh gestaltet und gut ausgestattet es gibt sogar einen Computer.

Die Liste, wo es fehlt, liesse sich wohl fast beliebig lang weiterfuehren, jedoch ist das groesste Problem schnell lokalisiert. Im gesammten Hogar (Heim) gibt es kaum Wasserdruck. Dies fuehrt z. B. dazu, dass die Kinder bis spaet in die Nacht warten muessen um zu duschen, was viele natuerliche nicht machen. Ihr Koerpergeruch ist entsprechend.

 

Nach dem Mittagessen, welches ich als ueberraschend gut empfinde, geht es weiter zum Maedchenheim.

Der erste Eindruck: schon ueber das mit Stacheldraht versehene Tor luckend offenbart sich ein erschreckendes Bild. Der gesamt Patio steht unter Wasser, um zum Gebauede zu gelangen muessen wir ueber eine mehr als provisorische Holzbruecke klettern.

Putz broecklt ueberall von den Waenden und die Situation scheint schon auf den ersten Blick um einiges dramatischer als im Jungenheim.

Doch das wirklich Erschuetterne ist der koerperliche wie mentale Zustand der Maedchen.

Hierzu ein Auszug eines Berichtes von Christiane:

Die Maedels, denen wir die vor sich hin schreiende Existenz zu verschoenern
versuchen, sind so vereinsamt, kontakt- und lebessuechtig, sich schlagend um
jeden Kruemel Keks und Aufmerksamkeit, dass es einem sekuendlich das Herz
bricht. Traenen und Krokodilstraenen, Geschrei und Enttaeuschung in den
Blicken, wenn die Aufmerksamkeit zum naechsten armen Wuermchen wandert,
erzeugen eine Atmosphaere und einen Geraeuschpegel, der mir in 2 Tagen die
gesammelte positive Energie und Kraft von zwei Monaten Reisen entzogen zu
haben scheint....

 

Ziemlich mitgenommen verlassen wir nach 2 Stunden Besichtigung das Heim. Die Aufgaben, die sich nun vor uns auftuermen, scheinen fast erschlagend. Trotzdem wollen wir uns hierdurch nicht laehmen lassen, sondern ganz im Gegenteil mit frischem Mut und Tatendrang ebenjene anpacken, um das Maximum aus unserem 7 woechigen Aufenthalt hier in Cochabamba, Bolivien, herrauszuholen.

 

 

 

 

Letzte Aktualisierung ( Friday, 04 February 2005 )
 
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