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Dankesbrief Bolivien 2004
Geschrieben von Die Gruppe 2004   
Monday, 29 March 2004

Liebe Spender,

sowohl für die Kinder in den Heimen als auch für uns als Gruppe waren die Wochen in Bolivien eine intensive und unvergessliche Zeit, die uns noch lange begleiten wird. Daher möchten wir Euch gerne davon berichten und daran Anteil haben lassen und uns gleichzeitig für das überwältigende Spendenaufkommen bedanken. Insgesamt sind über € 25.000,- zusammengekommen.

 

Vorbereitung

 

Die Vorbereitung für unser „Bolivienprojekt“ begann im Oktober und nach einigen Berichten unserer Vorgänger, schien es uns am dringendsten, die Heime zu renovieren. Andererseits wollten wir auch viel Zeit für die Kinder mitbringen und so teilten wir uns in zwei Gruppen auf: Die erste bereitete das Theaterstück „Pippi Calzas Largas“ (Pippi Langstrumpf) vor und die zweite wollte sowohl handwerklich die Heime verschönern als auch nachmittags Workshops mit den Kindern veranstalten. In zahlreichen Bolivientreffen wurden Ideen gesammelt und Pläne geschmiedet, wobei wir aufgrund der spärlichen Informationen aus Bolivien und der äußerst schwierigen Kommunikation mit unseren Partnern vor Ort häufig sehr flexibel planen mussten. Werkzeug und Bastelmaterial wurde soweit es uns sinnvoll erschien bereits in Santiago eingekauft, um in Bolivien gleich mit der Arbeit beginnen zu können. Um unser Projekt aber optimal vorzubereiten, erklärten sich drei Volontäre bereit, schon am 7. Januar vorzufahren und zu dritt unsere Ankunft vorzubereiten sowie erste Eindrücke zu schildern, damit wir so weit es nötig war, bestimmte Dinge noch vorbereiten konnten. Dies war im Nachhinein sehr nützlich, da sie auch noch viele Dinge wie zum Beispiel Farbe eingekauft haben.

 

Die Anreise der Hauptgruppe verlief ohne Zwischenfälle und obwohl einigen bei der Querung des Passes auf fast 5.000m übel wurde, sind wir mit unseren über 60 Gepäckstücken gut in Cochabamba angekommen. Die gefürchtete Kontrolle, die uns wahrscheinlich alles durcheinandergeworfen hätte, blieb uns zum Glück ebenfalls erspart.

 

Zur Begrüßung erwarteten uns die Kinder bereits an der Straße mit großen, bunten Plakaten, die sie extra für uns gebastelt hatten und die Müdigkeit nach fast 40 Stunden Busfahrt war erst mal vergessen. Jedes Kind schnappte sich die größte Kiste, die es gerade noch tragen konnte und schleppte sie stolz ins Heim, wo wir dann von Don Gildon, dem Administrador, noch einmal herzlich begrüßt wurden.

 

Untergebracht wurde unsere 27-köpfige Gruppe in drei Räumen, wobei der der Theatergruppe noch einige Überraschungen wie Ratten und undichte Stellen im Dach bereithielt. Insgesamt war die Unterbringung aber den Umständen entsprechend in Ordnung und wir hatten sogar ein eigenes Bad mit zwei Duschen.

 

Nach einer Führung durch die beiden Heime machten wir einige Entdeckungen und so gab es zum Beispiel eine vollausgestattete Schreinerei und Schweißerei und in den Zimmern war so wenig Platz, dass zusätzliche Möbel darin gar keinen Platz gehabt hätten. Auch arbeiteten vormittags in den Heimen schon andere Volontäre, die bereits ihren festen Plan hatten. Nach einer Besprechung mit ihnen haben wir unseren Wochenplan aufgestellt und die handwerklichen Arbeiten auf die Vor- und die Workshops auf die Nachmittage gelegt und konnten auf diese Weise hervorragend zusammenarbeiten.

 

Renovierung

 

Als erstes wurden die Schreinerei und die Schweißerei aufgeräumt und der große Speisesaal gestrichen. Die Kinder haben alle begeistert mitgeholfen und im Trubel wurden auch Türen, Fenster und Fußboden mitgestrichen, was der allgemeinen Heiterkeit noch mehr Auftrieb verschaffte. Mit ein wenig Routine wuchs aber rasch die Effizienz und am Ende klappte es perfekt. Auch Schreinerei und Schweißerei konnten mittlerweile wieder benutzt werden und Don Gildon hat sie fast nicht wiedererkannt. Was in den Heimen wirklich fehlt ist jemand, der sich um die vorhanden Dinge richtig kümmert, aber das bleibt wahrscheinlich ein frommer Wunsch. Jedenfalls konnte jetzt damit begonnen werden, neue Tore für den Fußballplatz zu schweißen und am Ende der Woche erstrahlte auch der Comedor (Speisesaal) in neuem Glanz. Um daraus etwas ganz Besonderes zu machen, hatten wir ihn mit einer Jagdszene aus der Steinzeit im Stil von Lascaux bemalt, was die Köchin aber nicht hinderte, nachts die alten Heiligenbilder zwischen die flüchtenden Hirsch zu hängen.

 

Im Mädchenheim Maria Cristina (MC) war schon seit fünf Tagen die Pumpe durchgebrannt und die Stromversorgung ebenfalls zusammengebrochen. Die Regierung, die dafür zuständig gewesen wäre, kümmerte sich nicht im Mindesten darum und die sanitären Zustände im MC wurden von Tag zu Tag unzumutbarer. Knapp 100 Mädchen hatten kein Wasser, um sich zu duschen und die Toiletten waren gestrichen voll – der Gestank einfach unvorstellbar. Auch in der Küche gab es kein Wasser und so mussten sie täglich weit laufen, um zumindest das nötigste Wasser heranzuschaffen. Nach Rücksprache mit Schwester Nancy von der Fundacion Cristo Vive Bolivia wurden noch am gleichen Abend ein Elektriker und ein Klempner besorgt. Am nächsten Tag gab es endlich wieder Wasser und Strom. Es ist einfach unglaublich, dass die Regierung nicht in der Lage ist, so eine Kleinigkeit wie eine Pumpe zu reparieren und 100 Kinder wegen € 23,- unter solch katastrophalen Zuständen leiden müssen. Viele Lampen waren ebenfalls schon seit Jahren defekt und zusammen mit dem Elektriker setzten zwei Volontäre zwei Vormittage lange Neonröhren ein.

 

Im Verlauf der nächsten Wochen wurden im Jungenheim Alejandro Magno (AM) die Eingangshalle, der Fernseh-Aufenthalts-Raum und ein langer Flur gestrichen und auch im Mädchenheim bekamen der Speisesaal, die Bibliothek und ein Hausaufgabenraum neue Gesichter. Im AM wurde der Vorgarten zusammen mit den Kindern hergerichtet und an die Stelle des gefährlichen alten Stacheldrahts trat ein schöner, bunter Holzzaun. Auch die hässlichen Mülleimer, Eisenzäune und verwitterten Außenbänke wirkten frisch gestrichen auf einmal richtig freundlich. Als Erinnerung an uns, hatte sie bei einer Bank die Pfosten in französischen, deutschen, englischen und chilenischen Farben bemalt, was unerwartet zu einem Affront seitens einer bolivianischen Regierungsmitarbeiterin führte, die die chilenische Flagge wieder überstreichen lassen wollte. Soviel Kleingeist hat uns doch überrascht und gerade unsere beiden chilenischen Freiwilligen fühlten sich etwas gekränkt. Wir haben die Fahnen jedenfalls so gelassen wie sie waren und wenn es missfällt, so muss die Regierung schon selbst zum Pinsel greifen, aber man sollte meinen, dass es wesentlich wichtigere Dinge zu tun gäbe.

 

Während im AM eifrig an den Toren geschweißt wurde, ebnete eine zweite Gruppe im MC einen Volleyballplatz, was sich wegen schwerer Regenfälle manchmal etwas schwierig gestaltete. In der Poblacion gibt es dort nämlich auch keine wirkliche Kanalisation und so sind die Straßen in der Regenzeit permanent überflutet. Alles schwimmt in braunen Fluten und die Menschen bauen Dämme vor ihre Türen, damit nicht auch noch ihre Lehmhütten überschwemmt werden. An manchen Tagen war es unmöglich trockenen Fußes vom AM zum MC zu laufen. Auch sind in dieser Zeit Tausende von kleinen Fröschen unterwegs, die auch in Küche und Speisekammer eindringen und überall herumhüpfen.

 

Für die in mühseliger Arbeit abgeschliffenen Sessel und Bänke im frischgestrichen Fernsehraum haben wir neue Polster herstellen lassen und diesen mit Bildern der Kinder und einem großen Gemälde aus der griechischen Mythologie verschönert. Für die Schaukeln, auf den Spielplätzen der letzten Freiwilligen-Gruppe, haben wir spezielle Schaukelhaken mit Kugellager anfertigen lassen, weil die alten Haken bereits nach drei Monaten „durchgeschaukelt“ waren, da die Qualität von fast allen Sachen in Bolivien ziemlich schlecht ist. Die Schaukeln wurden von den Kindern sofort wieder in Beschlag genommen und halten diesmal hoffentlich ein paar Jahre der Dauerbelastung stand. Ebenfalls wurden spezielle Matratzen und Geräte für einen Physiotherapieraum in Auftrag gegeben und nach wochenlangen Verspätungen seitens der Handwerker und unzähligen „Motivations-Telefonaten“ unsererseits noch kurz vor unserer Abreise fertiggestellt. Einige zerbrochene Fenster haben wir ebenfalls ausgetauscht, allerdings wäre ein professioneller Fenster-Kitter damit wesentlich schneller fertig geworden.

 

Aktivitäten mit den Kindern

 

Nach der Mittagspause wurden an allen Tagen verschiedenste Talleres (Workshops) für die Kinder angeboten. Auf einem schwarzen Brett konnten sich die Kinder immer schon vormittags informieren, wo sie gerne mitmachen wollten. Besonders beliebt waren Bändchenknüpfen und T-Shirts-Batiken, so dass wir fast jeden Tag einen solchen Taller angeboten haben. Je nach Wetter saßen 20 oder mehr Kinder drinnen oder draußen und knüpften was das Zeug hielt und am Ende hatten auch alle Kinder ihr selbst gebatiktes T-Shirt, auf das sie besonders stolz waren. Gebastelt wurde eine ganze Menge und neben vielem anderen wurden tolle Kerzenleuchter für die Einweihung des neuen Speisesaals gebastelt und mit Pappmache ein großes, weißes Pferd für die Pippi Langstrumpf-Aufführung gebaut. Da die Kinder in den ersten beiden Wochen noch Ferien hatten, haben die Jungs im AM viel Zeit mit Fußballspielen verbracht und wollten immer, dass wir mal eine Runde mitkicken und schließlich gab es ein großes Spiel, wo alle Kinder gegen uns Volontäre gespielt haben. Im Gegensatz zu den Kindern sind wir aber nach einer Viertelstunde ziemlich langsam über den Platz gekrochen, weil wir uns an die Höhe (2600m) noch nicht so gewöhnt hatten. Lustig war es auf alle Fälle! Viel Freude brachte auch der Bongo-Bau-Taller. Es wurden Tierfelle abgeschabt, zurechtgeschnitten, eingeweicht und schließlich auf Tontöpfe gespannt. Zwei Gitarren hatten wir mitgebracht und eine haben wir fürs Heim gekauft. So wurden abends manchmal noch spontan Gitarrenkurse veranstaltet. Auf die Wände im Comedor hatten wir ja eine steinzeitliche Jagdszene gemalt und so lag es nahe, mit den Kindern Pfeil und Bogen zu bauen. Allerdings hat der Spaß nicht lange angehalten, weil die Eukalyptusstecken ziemlichschnell durchgebrochen sind und so hat auch niemand einen Pfeil ins Auge bekommen. Weil das Brot, was die Kinder übrigens alle drei Tage selbst gebacken haben, immer sehr trocken war, kamen wir auf die Idee mit den Kids Marmelade zu kochen. Daraufhin wurde ein riesiger Sack Ananas kleingeschnippelt und in einem ebenso großen Topf drei Stunden eingekocht, weil es keinen Gelierzucker gab. Einen anderen Nachmittag haben wir Rosinenbrot gebacken und die Kinder einen Zopf nach dem nächsten geflochten. Die meisten Talleres wurden in beiden Heimen angeboten, aber die Mädchen hatten sich einen Nähkurs gewünscht und da wir einige auf diesem Gebiet sehr begabte junge Damen dabeihatten, wurde jeden Morgen im MC auf alten Pedal-Nähmaschinen genäht. Einen Strickkurs gab es auch, allerdings gab es eine Erzieherin, die meinte, sie könnte es besser als die Kinder und sich eine paar Wollknäuels eingesteckt hat. Ein besonderer Höhepunkt für die Mädchen waren bestimmt auch die zwei Beauty-Nachmittage, an denen sie sich richtig schönmachen konnten und unsere Mädels bis spät abends Fingernägel lackiert, Haare gekämmt und Gesichtsmasken aufgelegt haben. An den Sonntagen sind wir es immer etwas gemütlicher angegangen und am Nachmittag etwa eine Schatzsuche oder Völkerball angeboten. Um das Heim an sich noch zu verschönern haben die Kinder selbst auch viel beigetragen und auf Leinwände große Bilder gemalt und aus Fliesen- und Spiegelscherben Mosaike in Holzrahmen gebastelt, die hinterher alle im Aufenthaltsraum aufgehängt wurden. Abschließend können wir nur sagen, dass es unglaublich viele Aktivitäten gab und wir hier leider nur einen Teil aufzählen können.

 

Theater

 

Unsere Theatergruppe hat wie die Handwerkergruppe am ersten Montag begonnen. Ursprünglich war geplant gewesen, auch Jungen aus dem Alejandro Magno mit in das Projekt einzubeziehen, allerdings waren die Mädels im Maria Cristina untereinander so eine vertraute Gruppe, dass es besser schien, das Stück nur mit den Mädchen einzustudieren. Um die Kinder für die Geschichte zu begeistern, hatten unsere Theatervolontäre extra eine Szene zum Vorspielen vorbereitet und kamen schon als Pippi Langstrumpf oder Pirat verkleidet ins Heim. Viele der Mädchen waren unheimlich talentiert und nachdem die Rollen verteilt waren, konnte mit den Proben begonnen werden. Unvorhergesehener Weise wurde nach drei Tagen aber bekannt gegeben, dass ungefähr 20 Mädchen innerhalb der nächsten zwei Wochen zum Teil zu ihren Familien zurückkehren oder in andere Heime verlegt werden würden. Bekannt wurde ebenfalls, dass die Mädchen nach Ferienende in drei Schichten morgens, nachmittags und abends zur Schule gehen würden und so bestand die einzige Möglichkeit, doch noch ein Theaterstück aufzuführen, allein darin, das Projekt auf zwei Wochen zu verkürzen, was etwas schade war. Trotz aller Widrigkeiten wurde nun mit doppeltem Eifer sowohl vormittags als auch nachmittags geprobt und die selbstgeschriebenen Szenen zur Bühnenreife gebracht, wobei die Hauptdarstellerin echte Starallüren entwickelte, doch auch die Nebenrollen standen ihr darin nicht viel nach. Es war eine schöne, aber auch ziemlich stressige Zeit, weil immer wieder Streitigkeiten zwischen den Mädels geschlichtet werden mussten. Bis zum Schluss wurden Requisiten gebaut, Kostüme in den Nähkursen geschneidert und besonders gut gelang das Affenkostüm für Herrn Nielson.

 

Wochenend-High-Lights

 

Am zweiten Samstag war es schließlich soweit: Alle Mädels strömten als Hexen und Zauberer verkleidet in die Aula des Mädchenheims, wo bereits ein riesiges Bühnenbild mit der Villa Kunterbunt aufgehängt war. Wir hatten uns bei der Projektplanung überlegt, dass es schön wäre, nach jeder Woche eine besondere Aktion zu veranstalten und so fand das Theaterstück im Rahmen eines großen Kostümfests mit anschließendem Festessen einen würdigen Platz. Vor der Aufführung kostete es uns aber dann doch noch einige Überzeugungskraft, die kleinen und größeren Schauspielerinnen auf die Bühne zu kriegen. Unsere Pippi hatte auf einmal unerträgliche Kopfschmerzen ... kurzum, viele der Mädels hatten echtes Lampenfieber. Letztendlich machten sie ihre Sache aber so ausgezeichnet wie in keiner Probe zuvor und das Stück wurde ein echter Erfolg. Als „Hey Pippi Langstrumpf“ angestimmt wurde, sangen alle mit, denn die Mädchen hatten das Lied in den vergangenen zwei Wochen immer wieder gesungen und zwar auf deutsch. Nach der Aufführung konnte man den Mädchen die Freude und den Stolz über das Geschaffte ansehen. Sie versicherten, dass sie diese Aufführung nie vergessen würden. Besonders schön war auch, dass wir zwei Behinderte integrieren konnten und wir glauben, dass es für alle eine echte Stärkung des Selbstbewusstseins gewesen ist, an so etwas „Großem“ mitgewirkt zu haben. Die Stimmung war jedenfalls spitze und stand der vom Gala Dinner am ersten Wochenende im Jungenheim in nichts nach. Dort hatten wir zur Einweihung des neuen Comedors alle zusammen den ganzen Tag gekocht. Die Fenster wurden abgeklebt, damit die Jungs noch nicht sehen konnten, wie sich der vorher eher schlichte Raum in einen echten Festsaal verwandelte. Zwei lange, weiße Tafeln mit einer breiten roten Schleife in der Mitte und den selbstgebastelten Kerzenleuchtern erstreckten sich von einem Ende des Saals bis zum gegenüberliegenden. Die Kinder hatten sich alle ihr weißes Schulhemd und die grauen Schulhosen angezogen und warteten draußen ganz andächtig und erwartungsvoll. Selbst Don Gildon sah im Jackett richtig feierlich aus und als er zusammen mit Richard, einem kleinen behinderten Jungen, das rote Band vor der Tür im Blitzlichtgewitter unserer Fotoapparate zerschnitt, hatte der eine oder andere Tränen in den Augen. Das 3-Gänge-Menü war ein voller Erfolg und als schließlich der Nachtisch, Eis, mit Obstsalat, Schokosoße, Waffeln und funkensprühenden Wunderkerzen, serviert wurde, kannte die Freude kein Halten mehr. Die Erfolgsnummer mit dem Eis haben wir beim Kostümfest im MC eine Woche später übrigens noch mal mit dem gleichen Erfolg gebracht. In der dritten Woche wollten wir endlich etwas mit beiden Heimen zusammen machen und so kam der Vorschlag, ein Open-Air-Kino zu veranstalten. Wie es sich bei den anderen Festen schon bewährt hatte, organisierte ein 3 bis 5-köpfiges Komitee die Einzelheiten und verteilte am Ende die Aufgaben. Projektor, Soundsystem und Großleinwand ließen sich nach einigen Erkundigen tatsächlich auftreiben und nun musste nur noch das Wetter mitspielen. Weil es aber die ganzen Tage geregnet hatte, haben wir die Vorstellung doch in die Aula des Mädchenheimes verlegt. Von der Eintrittskarte bis zum Popcorn, eine Gruppe hatte den ganzen Nachmittag säckeweise Popcorn gemacht, war alles stilecht vorbereitet und unsere Mädels verteilten alles aus extra für diesen Anlass gebastelten Bauchläden an die Kinder. Der Comedor im Mädchenheim war nach längerer Streichzeit auch fertig geworden, denn da die Decke so hoch war, mussten wir nämlich erst ein Baugerüst besorgen, was unser Einkaufsteam aber in gewohnt zuverlässiger Weise aufgetrieben hat. Die Mädchen hatten sich Pippi Langstrumpf als Thema gewünscht und als wir an einem Donnerstagnachmittag zu Saft und Torte in den Speisesaal einluden, lachten Pippi, Herr Nielson und das Pferd verschmitzt von der Stirnwand. Nach so vielen gelungenen Festen schien es nahezu unmöglich, diese noch zu toppen, aber das Abschiedsfest am letzten Sonntag wurde doch noch der Oberknaller. Alle verbleibenden Kräfte wurden mobilisiert und von Samstag- bis Sonntagnachmittag wurde ein Jahrmarkt aufgebaut, wie ihn Cochabamba noch nicht gesehen hat. Unser Event-Management-Komitee hat sich wieder mal selbst übertroffen und neben drei Pferden, 200 Heliumluftballons sogar eine Hüpfburg organisiert. In einer Tombola wurden all die Dinge wie Kuscheltiere, Filzstifte, Theaterklamotten und was wir sonst noch so übrig hatten, verlost und an Hot Dog-, Kuchen- und Eisständen konnten die kleinen Alejandros und Cristinas mal so richtig zuschlagen. Neben dem Pferdereiten wurden an zwei weiteren Ständen noch Spiele wie Büchsenwerfen, Bowling, Kartoffellaufen und vieles mehr angeboten. Wer keine Angst hatte konnte seinen Mut auch noch in der Geisterbahn unter Beweis stellen, die eine Gruppe mit Schwarzlicht, Sensenmann, Wackelpudding, engen Gängen und allerlei anderen Schockeffekten liebevoll in zweitägiger Arbeit in der Bibliothek aufgebaut hatte. Man hätte meinen sollen, dass die Kinder nach so einem ereignisreichen Tag todmüde gewesen wären, aber sowohl die Mädchen wie auch die Jungs hatten noch einige Tänze für uns einstudiert. Unglaublich! Nicht ein Tanz, nein ganze 1 ½ h Programm mit traditionellen Gewändern und Federkronen hatten sie selbständig auf die Beine gestellt. Als wir aber aufräumen und gehen wollten, wurde den Kindern erst bewusst, dass das schöne Fest doch ein Abschiedsfest gewesen war. Einige Kinder und schließlich alle fingen an bitterlich zu weinen und es war so herzergreifend und traurig, denn wir hatten sie ja auch alle so liebgewonnen und was konnten wir ihnen in diesem Moment denn Tröstliches sagen? „Weint nicht, wir sehen uns ja bald wieder,“ wohl kaum.

 

Zusammenarbeit mit der bolivianischen Regierung

 

Da die beiden Heime in staatlicher Trägerschaft sind, waren wir gezwungen mit der SEDEGES (bol. Sozialministerium) zusammenzuarbeiten, was nicht immer leicht war. Ohne deren Zustimmung hätten wir unser Projekt aber nicht durchführen können und so möchten wir zumindest für die Einladung nach Bolivien danken. In der Vorbereitung hatten wir bereits zu spüren bekommen, wie langsam bolivianische Regierungsmühlen mahlen und so waren wir erstaunt, als wir am dritten Tag nach unserer Ankunft gleich ein Treffen mit zwei Regierungsmitarbeiterinnen hatten. Unser erster Eindruck war eigentlich sehr positiv und uns wurde ein von ihnen organisierter Schwimmbadausflug, ein Band-Abend mit uns Volontären und vor allem gute Zusammenarbeit versprochen. Die erste Handlung, die wir von der SEDEGES allerdings zu spüren bekamen, war die fristlose Entlassung von unserem Heimleiter Don Gildon. Dass es bei ihm zu internen Unregelmäßigkeiten gekommen war ist sicher richtig, allerdings kam diese Maßnahme für uns zu einem sehr unpraktischen Zeitpunkt. Trotzdem sind wir mit seiner Nachfolgerin Doña Paula sehr zufrieden, da sie eine ehemalige Schülerin von Schwester Nancy ist und der Kontakt zur Fundacion Cristo Vive auf diese Weise sehr viel besser sein wird, was unsere Arbeit und die folgender Gruppen hoffentlich enorm erleichtern wird. Die Idee mit dem Schwimmbadausflug war ja unheimlich nett gewesen, hat uns im Endeffekt aber mehr Arbeit gemacht als erleichtert, weil der Termin im letzten Moment drei Mal verschoben wurde und wir im Endeffekt, damit es doch noch etwas wurde, die Sache selbst organisiert haben. Der Band-Abend ist auch ausgefallen, was uns aber ganz recht war, da wir am Ende in ziemliche Zeitnot gekommen sind, um noch alle angefangenen Arbeiten abzuschießen. Am letzten Tag sind wir überraschend doch noch zu hohen Ehren gekommen und wurden von der First-Lady, der Gattin des Präfekten von Cochabamba (Ministerpräsident) in den Hauptsitz der SEDEGES eingeladen, um uns für unsere Arbeit zu danken und jedem von uns ein Zertifikat des bolivianischen Staates zu überreichen. Bei dem Besuch hatten wir die Möglichkeiten, etwas hinter die Kulissen zu sehen und zur Arbeitsweise des Sozialministeriums Fragen zu stellen sowie das zentrale Versorgungslager für alle Heime zu besichtigen. Trotz der manchmal etwas schwierigen Zusammenarbeit, die sicher auch aus den unterschiedlichen Mentalitäten herrührte, freuen wir uns sehr, dass unser Projekt ein solches Echo im Sozialministerium ausgelöst hat. Die nächste Gruppe wird auf diesem Fundament gut weiterbauen können.

 

Bolivien: Land und Leute

 

Was uns in Chiles Nachbarland erwarten würde, war uns nur aus Erzählungen von Karoline und den Volontären des letzten Jahres bekannt. Doch nachdem wir die chilenisch-bolivianische Grenze hoch oben in den Anden passiert hatten, begann eine andere Welt. Rechts und links der sich durchs Altiplano windenden Straße standen niedrige Lehmhütten, die sich an die steilen Berghänge duckten. Sie stehen einfach im Nichts auf 4.000m bis 5.000m Höhe. Supermärkte, Tankstellen oder Schulen gibt es im Umkreis von 100Km nicht und im Winter wird alles vom Schnee begraben. Hier oben sprechen die Menschen auch kein Spanisch, sondern noch ihre eigenen Sprachen – Quechua und Aymara. Sie leben unter kärglichsten Bedingungen mit ein paar Lamas und dem bisschen, was sie dem Boden abringen können. Auch äußerlich unterscheiden sie sich stark von den Chilenen, die insgesamt eher europäisch wirken. Die Bolivianer kleiden sich auch im Alltag in ihre traditionellen Trachten und wenn man durch die Straßen läuft, hat man das Gefühl 300 Jahre in der Geschichte zurückgereist zu sein. Die Frauen haben drei oder vier lange Faltenröcke übereinander und eine Bluse mit gestricktem Jäckchen an. Dazu kommt der typische, runde, kleine Hut, der für unser Verhältnisse etwas zu hoch auf dem Kopf sitzt und das obligatorische, bunt gestreifte Tragetuch auf dem Rücken, in dem permanent Markteinkäufe, Babys oder sonst irgendwas herumgetragen werden. Die Gesichter haben breitere Wangenknochen und sind dunkler und markant indianisch geprägt. Sie sind sehr zurückhaltend und verschlossen, scheinen gleichgültig und lächeln nie. So fühlt man sich anfangs als Eindringling, bis man sich selbst zurücknimmt und im Gespräch dieser Schild irgendwann zu bröckeln beginnt. Wenn man sich selbst nicht in den Vordergrund spielt, wird man aber bald merken, wie hilfsbereit und liebenswürdig die Bolivianer wirklich sind.

 

Von der Infrastruktur her beschränkt sich Boliviens Straßennetz auf 5 Fernstraßen, die auch nur zum Teil asphaltiert sind. Während unseres Aufenthaltes kam es auch wieder zu Transportstreiks, die die einzige Möglichkeit der armen Bevölkerung sind, ihren Nöten Gehör zu verschaffen. Für drei Tage war ganz Cochabamba wie gelähmt und man hätte nur noch mit dem Flugzeug aus der Stadt kommen können. Barrikaden wurden errichtet und welcher Taxifahrer doch den Versuch wagte, ins Zentrum zu fahren, wurde an der Brücke so lange mit Steinen beworfen, bis er sich eines Besseren besann. So ein Streik ist aber auch eine Art Volksfest und den ganzen Tag wird in die Luft geschossen und Silvesterraketen gezündet. Wir nahmen es jedenfalls mit der gleichen Gelassenheit wie die Bolivianer hin, weil man ohnehin nichts machen konnte und sind an diesen Tagen eben nicht einkaufen gegangen. Einkaufen kann man in Bolivien auch fast nur auf der Cancha, einem riesigen Markt, der die ganze Innenstadt einnimmt. Hier findet man alles oder auch nichts. Den getrockneten Lamafötus sucht und findet man ohne Schwierigkeiten, einen Grafitschlitten für einen deutschen Bosch-Bandschleifer hingegen vergeblich. Es macht aber einfach Spaß, die zahllosen Stände entlang zu laufen und die fremdartigen Waren zu bestaunen, deren Nutzen uns häufig nicht ganz klar war. Unser Einkaufsteam kannte den Markt aber bald wie seine Westentasche und handelte bald gekonnt mit viel Gestik und Freundlichkeit wie es dort eben Sitte ist und trieb unermüdlich alles auf, wenn es die Sache irgendwo in der Stadt tatsächlich zu kaufen gab.

 

Generell sind wir mit den Bolivianern hervorragend ausgekommen, nur wenn es um verbindliche Absprachen ging, führten deutsches und bolivianisches Verständnis, was zum Beispiel mañana (morgen) bedeutet, schnell weit auseinander. Ein Bolivianer sagt grundsätzlich nicht, dass er eine Sache bis zu einem bestimmten Termin nicht erledigen könnte. Dies führte bei fast allen Absprachen mit Handwerkern zu ziemlichen Konfrontationen, weil wir ihre Fristen fest in unseren Arbeitsplan einbezogen hatten. Uns erschien es mit Ausnahme von Schwester Nancy jedenfalls so, als ob das Wort „Zuverlässigkeit“ im bolivianischen Wortschatz nicht existiert. Die Planlosigkeit, der Mangel an Kreativität und konstruktiver Kritik, neue Lösungswege zu suchen und fragwürdige Arbeitsmethoden in Frage zu stellen, sind jedenfalls stark mitverantwortlich, dass in diesem Land einfach nichts funktioniert. Dies zu ändern ist aber noch ein langer Weg, ein Prozess, der auch in 100 Jahren noch nicht abgeschlossen sein wird.

 

Situation der Kinder in den Heimen

 

Die pädagogische und medizinische Betreuung ist sowohl im Alejandro Magno wie auch im Maria Cristina absolut unzureichend. Neben dem Administrador gibt es einen Direktor, dessen Zuständigkeitsbereich sich uns nie wirklich erschlossen hat. Es gibt auch eine Psychologin, die aber nur drei Nachmittage pro Woche im Heim ist und sich aber auch nur bis zum Abend in ihr Büro einschließt und mit sich selbst beschäftigte. Darüber hinaus gibt es noch den Hausmeister Don Adrian und die Köchin Doña Carmen. Don Adrian ist eigentlich immer präsent gewesen und hat zumindest die ärgsten Zankereien verhindert. Die Köchin ist außer am Wochenende tagsüber da und kocht zusammen mit den Kindern aus dem, was die Regierung so liefert, die anspruchslose Heimkost, deren Delikatessen wie Hühnerköpfe und -füße wir auch über einen Monat lang genießen durften. Als wir ankamen, waren ungefähr 60 Kinder zwischen 5 und 22 Jahren im Jungenheim eingeschrieben, trotzdem waren die meisten so zwischen 10 und 15 Jahren alt. Viele Kinder wandern aber von Heim zu Heim, da fast jede Woche neue Kinder ankommen und andere, wenn eine bestimmte Anzahl erreicht ist, in ein anderes Heim verlegt werden. Die Kinder kommen in einem Auto an, ein Papier wird von der Heimleitung unterschrieben und damit hat sich die Sache. Daher ist es auch nicht gerade einfach für die Kinder, richtige Freundschaften aufzubauen, weil ihr eigenes Leben so unbestimmt und ruhelos ist. In ihrer Freizeit werden die Kinder in keiner Weise betreut und bleiben sich vollkommen selbst überlassen. Als nach zwei Wochen die Schule beginnen sollte, haben zuerst die Lehrer eine Woche gestreikt, weil ihnen der Staat noch Lohn schuldete und als es dann eine Woche später losging, sind auch nicht alle Kinder in die Schule gegangen. Von den Behinderten gehen kaum welche in die Schule, aber andere, die hingehen könnten blieben im Heim, weil sie keine Schuluniform hatten und der Staat auch nicht dafür gesorgt hat, dass jedes Kind eine bekam. Die Schule findet in Bolivien in drei Schichten statt, weil es nicht genügend Schulen gibt. So gab es Kinder, die morgens, andere die nachmittags und wieder andere, die abends zur Schule mussten. Wirklich lernen tun sie in der Schule aber auch nicht viel. Gerade das Lesen fällt vielen sehr schwer, was uns bei der Schatzsuche auffiel, weil die größte Schwierigkeit im Zettellesen lag, womit wir gar nicht gerechnet hatten. Dass Hausaufgaben erledigt wurden, ist uns auch nicht wirklich aufgefallen und so haben die Kinder sich um ihre Pflichten im Heim gekümmert oder sich anderweitig die Zeit vertrieben, wenn gerade keine Talleres angeboten wurden. Manchmal haben sie sich gegenseitig geschlagen und gerade die Behinderten waren Zielscheibe der übrigen und wurden mit Stöcken gepiesackt oder Müll beworfen. Es ist manchmal einfach nur schrecklich traurig, denn muss man bedenken, dass die Kinder selbst ihr Leben lang wie Dreck behandelt worden sind. Um so schöner ist es zu sehen, dass sie in gewisser Weise wie andere Kinder auch sind. Immer wieder waren wir erstaunt, mit welcher Freude und Begeisterung uns die Kinder bei allem unterstützt haben. Jeder wollte so gut und so viel mitmachen, wie er konnte und wenn es manchmal auch etwas drunter und drüber ging, war es doch ein Riesen-Spaß, wie alle zusammen gespachtelt, gestrichen, Fensterkitt rausgekratzt und Löcher gegraben haben. Auch bei Sachen, die sie vielleicht nicht ganz so gerne gemacht haben, waren doch immer Kinder bis zum Schluss dabei und haben nach dem Rosinenbrotbacken noch bis zur letzten Schüssel mit uns abgespült oder nach dem Streichen mitgeholfen, die Farbkleckse auf dem Boden zu beseitigen. Trotz der schwierigen Vergangenheit aller Kinder sind sie doch eine Gemeinschaft und halten zusammen. Dass es dabei ab und an auch zu Reibereien kommt, ist nachvollziehbar.

 

Schade ist allerdings, dass die Behinderten nicht gesondert gefördert werden und es viele gibt, die nicht sprechen können, taub-stumm, geistigbehindert, hyperaktiv oder sehr aggressiv sind. Was die Zukunftsperspektive für diese Kinder sein soll, ist schwer vorstellbar, denn Einrichtungen wie Behindertenwerkstätten gibt es kaum und normaler Weise ist mit 16 bis 17 Jahren Schluss im Heim, wobei es manchmal allerdings Ausnahmen gibt. Auch die „normalen“ Kinder haben einen verdammt schweren Stand im Leben, denn es ist niemand da, der ihnen hilft, auf eigene Füße zu kommen. Manche die das Glück haben, sich in der Schreinerei oder einer Abendschule handwerkliche Kenntnisse zu erwerben, dürfen hoffen, in diesem Bereich vielleicht einmal Arbeit zu finden. Die meisten werden aber ihr Leben lang die niedrigsten und erbärmlichsten Arbeiten annehmen müssen, die sie finden können. Die Aufrechterhaltung der Disziplin wird den Älteren überlassen, die die Kleinen häufig wohl auch mit körperlicher Gewalt zur Erledigung ihrer Aufgaben antreiben. Die vielen Dienste wie Putzen, Kochen und Brotbacken werden aber sehr gewissenhaft erfüllt und funktionieren gut, was auch notwendig ist, da es kein Putzpersonal gibt und die Köchin auf die Hilfe der Kinder angewiesen ist. Allerdings gibt es zum Beispiel kein Frühstück, bevor nicht jeden Morgen das gesamte Heim geputzt worden ist. Frühstück gab es an zwei Tagen aber auch aus anderen Gründen nicht. Das Zentrale Vorratslager war nämlich erschöpft und irgendwer in der Regierung hatte vergessen, neues Mehl einzukaufen. Folge war, dass einfach kein Mehl mehr da war, um Brot zu backen. Reis und Zucker waren schon in der Woche zuvor ausgegangen und so sind die Leiterin Paula, zwei von uns und einer der Heimjungen, der sich in der Poblacion auskannte, mit zwei Säcken losgezogen, um alles Brot, was wir finden konnten, aufzukaufen. Nach 2 Stunden hatten wir sämtliche Tante-Emma-Läden leergekauft und genügend Brot zusammengetragen. Weil die Regierung aber keine Notfallfonds für solche Situationen hat und es auch für die ganze nächste Woche kein Mehl gegeben hätte, haben wir dann selbst einen Zentner Mehl aufgetrieben. Wasser und Brot sind ja normaler Weise das absolute Minimum, aber selbst mit dem Wasser war es schwierig, da der Druck auf der Leitung so niedrig ist, dass wenn in der Küche tagsüber und abends abgespült wird, einfach kein Wasser aus den übrigen Hähnen kommt, so dass man nur morgens vor dem Frühstück, kurz vor dem Abendessen und nachts duschen konnte. In einem Trakt der Kinderschlafräume gab es im Bad schon seit Monaten kein Wasser mehr, weil die Leitungen verstopft sind und sich der Sache niemand annehmen kann oder will. Auch auf dem Heimgelände gibt es viele gefährliche Stellen, wie offene Zisternenschächte und einen Schrottplatz. Kaputte Sachen dürfen allerdings nicht weggeworfen werden, weil alles eine Index-Nummer hat und die Leitung bei Kontrollen jeden Stuhl nachweisen muss. So kommt es, dass sich draußen meterhoch „bolivianisches Staatseigentum“ stapelt und langsam im Regen verrostet und verschimmelt. Für uns war es einfach nur Müll, aber in einem Land, wo ein Heimleiter US$ 100 im Monat verdient, kann es sich niemand leisten, etwas wegzuwerfen.

 

Warum kommen Kinder ins Heim?

 

Als erstes denkt man natürlich an Waisen, aber in Bolivien macht das Schicksal viele Kinder zu Waisen, selbst wenn sie noch beide Eltern haben. Die meisten Kinder haben sich vor ihrer Einweisung ins Heim eine Zeit auf der Straße durchgeschlagen, wo sie sich mit kleinen Jobs, Diebstahl oder durch Betteln über Wasser gehalten haben. Meist sind sie von zu Hause geflohen, weil es dort noch schrecklicher war, sie von ihren Vätern täglich verprügelt wurden, hart arbeiten mussten und häufig doch nichts zu essen bekommen haben. Die Mädchen erwischte es meist noch schlimmer, weil sie in der eigenen Familie auch noch vergewaltigt wurden. Manche Familien sind aber auch so bettelarm, dass sie trotz größter Anstrengung ihre 10 Kinder nicht ernähren können und gezwungen sind, diese in ein Heim zu geben. Hart ist es aber auch für die Kinder, die von zu Hause verstoßen werden, weil die Mutter nur noch den kleinen Sohn haben möchte und den 11-jährigen rauswirft. Kann ein solches Kind überhaupt noch an Liebe glauben, wenn es von der eigenen Mutter so schmählich verlassen wird? Und doch haben wir in all unseren kleinen und größeren Schützlingen nichts stärker gespürt, als diesen Drang nach Liebe und Geborgenheit – nach auf-den-Schoß-genommen-werden, nach bedingungslosem Angenommenwerden. Sicherlich hätte es die Geschichte eines jeden Kindes verdient, hier abgedruckt zu werden, dennoch müssen wir uns leider beschränken. Ihr erinnert euch vielleicht an den kleinen Richard, der mit Don Gildons Hilfe das rote Band zur Eröffnung des neuen Speisesaals im Alejandro Magno durchgeschnitten hatte. Am Kopf hat er eine große Narbe, von der wir nicht wissen, wie er sie bekommen hat und ob sie vielleicht der wahre Grund für seine Behinderung ist. Richard ist ungefähr 11 Jahre und wie bei vielen anderen Kindern, weiß es niemand so genau, denn Geburtstag wird im Kinderheim nie gefeiert. Seine kleinen Hände sind verkrüppelt und doch schafft er es erstaunlich geschickt, sich und sein kleines Gehgestell durch das Heim zu manövrieren, wenn es auch immer wieder mal an einem Türrahmen hängen bleibt. Seine Beine sind verdreht und zu schwach, ihn zu tragen. Deshalb robbt Richard auch sehr häufig über den Boden, wenn es ihm mit dem Gestell zu anstrengend ist oder er es irgendwo verlegt hat. Während die übrigen Behinderten häufig geärgert werden, schien es, als ob Richard auf wunderbare Weise von allen beschützt wurde, denn wenn er eine Stufe nicht hochkam oder zum Essen auf seinen Stuhl klettern musste, haben die anderen ihm immer geholfen. Selbst wenn er sich uns sprachlich nicht mitteilen konnte, hat er fast alles verstanden, was wir mit ihm gesprochen haben und in seinen Augen und seinem Lächeln hat er uns mit seinem Herzen geantwortet. Zu spüren, was die Kinder gefühlt haben, ob sie traurig oder glücklich, ängstlich oder hoffnungsvoll waren, waren wahrscheinlich die persönlichsten und wichtigsten Momente, die ein jeder von uns aus Bolivien mitnimmt. Es stimmt glücklich, wenn man sieht, dass die Kinder so auf ihn aufpassen und vergisst für einen Augenblick all die Unmenschlichkeit, die diesem kleinen Menschen in seinem kurzen Leben bereits widerfahren ist. Er kam vor einigen Jahren ins Heim, weil er bei seiner Familie gefunden wurde – an einer Kette auf einem Haufen Stroh im Hof der erbärmlichen Hütte seiner Eltern. Wie einem Tier wurde ihm einmal am Tag ein Napf mit Essensresten hingestellt. Es ist so furchtbar schrecklich und traurig und doch wissen wir nicht, welche schweren Schicksalsschläge die Eltern erfahren haben, dass sie ihr eigenes Kind wie einen elenden Hund an der Kette gehalten haben.

 

Zukunftsvision - Wie geht es weiter?

 

Trotz all des Leids, dem wir begegnet sind, nehmen wir unglaublich viel mehr an glücklichen Erinnerungen zurück. Obwohl wir nur knapp 5 Wochen (8.01. bzw. 14.01. bis 18.02.04) in Cochabamba gewesen sind, haben wir diese Zeit fast 24 Stunden am Tag mit den Kindern verbracht und in der gesamten Zeit nur 3 freie Tage gehabt. Es war toll zu sehen, wie auch unsere internationale Gruppe deutscher, chilenischer und einer französischen Jugendlichen zusammengewachsen ist, obwohl sich untereinander vorher viele nur flüchtig oder gar nicht kannten. Während die unmittelbare Phase vor Projektbeginn ziemlich schwierig war, weil fast alle im Urlaub waren, können wir nun nach Abschluss des Projekts auf eine über alle Maßen erfolgreiche Zeit zurückblicken, in der jede und jeder einzelne sich mit seinen Talenten und Fähigkeiten voll in den Dienst der Gruppe gestellt und auf diese Weise dazu beigetragen hat, unsere eigenen Erwartungen mehr als zu übertreffen. Trotz allem möchten wir nicht einfach die Hände in den Schoss legen und Bolivien unter „Erledigt“ abheften. Viele von uns haben eine Patenschaft für ein Kind übernommen, um den Kontakt zu halten und so, wenn auch in bescheidenerem Maße, ihren Schützling weiter zu begleiten. Obwohl wir in den vier Wochen viel geleistet haben, mussten wir einsehen, dass die Zeit unweigerlich zu Ende ging und es uns trotz ausreichender finanzieller Mittel und unserer Begeisterung für die Sache, nicht möglich war, all die festgestellten Missstände anzugehen. Am wichtigsten erschien uns eine bessere Betreuung der Kinder und ins Besondere der Behinderten, da sich die augenblicklich defizitäre Situation langfristig nur durch zusätzliches und gut ausgebildetes Personal verbessern lässt. Aufgrund Eurer überwältigenden Spendenbereitschaft war es uns möglich einen weiteren Psychologen und eine Physiotherapeutin dauerhaft zu verpflichten. Diese Personalverstärkung werden wir für mindestens ein Jahr, eventuell zwei Jahre bezahlen. Der Psychologe wird in den ersten beiden Monaten eine Evaluierung aller Kinder machen, um anschließend zu entscheiden, welche seine Hilfe am Nötigsten brauchen. Für die Arbeit der Physiotherapeutin haben wir extra einen neuen Raum eingerichtet und behandelt die körperlich Behinderten beider Heime an 5 Vormittagen pro Woche. Es ist ebenfalls geplant, Physiotherapeuten aus Cochabamba, die sich noch in der Ausbildung befindenden, zur freiwilligen Mitarbeit im Heim zu ermuntern, um mehr Kinder behandeln zu können. Um die Möglichkeiten der Schreinerei wirklich auszuschöpfen, werden wir einen Schreiner suchen, der an einigen Nachmittagen den Kindern und Jugendlichen Unterricht geben wird. Falls die Organisation der bereits dort arbeitenden Volontäre dafür in nächster Zeit einen europäischen Freiwilligen findet, wäre das natürlich am günstigsten. Ansonsten werden wir aber auf unsere Kosten einen Schreiner verpflichten. Die Anstellung dieser zusätzlichen Kräfte erfolgt über die Fundacion Cristo Vive Bolivia, wodurch wir frei entscheiden können, wo die Schwerpunkte liegen werden. Außerdem haben wir das Glück, dass eine junge Frau aus unserer Gruppe, die zweite Hälfte ihres Freiwilligendienstes in Bolivien leisten wird und sich mit großem Engagement weiter um die beiden Heime kümmert. So gibt es jetzt im Mädchenheim auch in den oberen Bädern wieder Wasser und im Jungenheim wurde der Duschentrakt sowie die Abflüsse und  Wasserhähne in der Küche saniert. Sie besucht weiterhin jeden Morgen den Alejandro Magno und führt unsere Arbeit mit großem Einsatz und Sachverstand weiter. Wir möchten außerdem mit einem Teil des Geldes einen Gesundheitsfond für dringende Operationen an zum Beispiel Augen und Ohren auflegen und weil in keinem der beiden Heimen auch nur ein Kind eine Brille trug, haben wir einen Sehtest durchgeführt und demnächst wird ein Optiker bestimmen, welches Kind eine Brille braucht. Weil wir festgestellt haben, wie wichtig unsere Arbeit gewesen ist und in diesen 5 Wochen in den Heimen wahrscheinlich mehr geleistet wurde als sonst in einem ganzen Jahr, wird die nächste Gruppe wahrscheinlich sogar 2 Monate lang in Bolivien arbeiten dürfen.

 

Danksagung

 

Zum Abschluß möchten wir uns noch einmal ganz herzlich bei Euch allen für die große Unterstützung bei der Realisierung unseres Projektes bedanken, ohne die wir trotz aller Begeisterung nie soviel erreicht hätten. Viele haben sogar noch ihren Freundeskreis eingespannt und mit besonderen Aktionen Geld gesammelt. Wir möchten Euch allen, denn es sind viel mehr als die, die diesen Brief erhalten, auch für Euer großes Vertrauen danken und wenn unser Film fertig geschnitten ist, kann sich jeder von Euch vielleicht ein noch genaueres Bild der Heime und Kinder machen. Auch auf unser Homepage www.bolivienprojekt.de werden wir noch ausführliche Berichte und Fotos veröffentlichen. Gerne möchten wir auch alle einladen, Bolivien nicht zu vergessen und die Gruppe 2005 im nächsten Jahr wieder zu unterstützen, denn jeder Cent zählt.

 

Pachi tukuyniykichejta, Muchas gracias, Ganz herzlichen Dank,

 
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