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Eindrücke und Workshops
Seit 3 Wochen bin ich nun schon in Bolivien und immer noch total begeistert von diesem Land. In dem Heim, in dem wir hier arbeiten haben wir bereits einige Projekte umgesetzt. Ich war mit Julia und Nikolaus eine Woche vorher gefahren, um das Heim anzuschauen, Projekte zu planen viel einzukaufen.
Wir beschlossen drei große Projekte, an denen wir seit dem arbeiten. Dazu gehören, die total heruntergekommene Schreinerei und Schweißerei wieder zu aktivieren, zu streichen und einen Zaun zu bauen. Mit den meisten Sachen sind wir jetzt schon fertig geworden. Zur Zeit bin ich verantwortlich für den Bau eines Volleyballplatzes im Mädchenheim, mit dem wir aber hoffentlich morgen fertig werden. Vor zwei Tagen stand er komplett unter Wasser, weshalb wir nicht weiterbauen konnten. Ich nutzte den Moment und bot einen "Schiffchenbauworkshop" an. Die Zeit hier ist bisher super schnell vergangen, einfach auch, weil man den gesamten Tag beschäftigt ist mit arbeiten oder Workshops anbieten. Ich habe schon einen mehrtägigen Musikworkshop angeboten, in dem ich mit einigen älteren Bongos aus Terrakottatöpfen gebaut habe. In der nächsten Woche werde ich mit den kleineren Regenrohre bauen. Wenn man gerade selbst keinen Workshop anbietet, kann man auch den anderen helfen, zum Beispiel Bändchen zu knuepfen, T-Shirts zu batiken, oder einfach Sport mit den Kindern machen. Ein Volleyballturnier steht nächste Woche natürlich auch noch auf dem Programm.
Bolivien an sich ist komplett anders als Chile. Die Menschen sind viel traditioneller, viele sprechen noch Quetchua, die ursprüngliche Landessprache.
Insgesamt sind sie viel gelassener als die Chilenen, zurückhaltender aber ebenfalls sehr freundlich, wenn auch ernster. Viele Frauen tragen noch die "traditionelle" Tracht, die sie aus der Kolonialzeit übernommen haben. Weiße Strohhüte, weite Röcke mit traditioneller Bluse und immer ein typisches handgemachtes buntes Tuch auf dem Rücken, das als Rucksack dient und in dem aber auch Babys getragen werden können, die immer bei der Mutter sind und sogar im Bus gestillt werden, teilweise bis zum 5. Lebensjahr.
Das Heim in den wir arbeiten, war am Anfang ein ziemlicher Schock für uns drei. Unter den 70 Jugendlichen und Kindern im Alter von 5 bis 18 Jahren sind auch 10 mehr oder weniger Schwerbehinderte. Ein stark körperlich behindertes Kind, Richard, ist ebenfalls dabei, kann ohne Gehwagen nicht laufen und dient den anderen manchmal auch als Spielzeug.
Das Leben von Rene, einem älteren geistigbehinderten kann man sich schlecht vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Die Jogginghose in der er immer unterwegs ist, hängt irgendwo auf Kniehöhe, im Mund hat er immer irgendwas, auf dem er rumkaut; ob Plastikreste oder ein Knochen vom Essen, Rene findet immer irgendetwas, an dem er sich den ganzen Tag erfreut.
Seit einiger Zeit wirft er auch mit Sachen, meist Müll nach uns und den anderen Mitbewohner. Er lungert den ganzen Tag draußen rum, spielt im Matsch oder im Müll. Die Erzieher kümmern sich nicht sonderlich um ihn und lassen ihn täglich versumpfen. Auch der Doktorin scheint er egal zu sein, denn seine Hände sind voll mit Warzen. Er ist nur einer der 10 Behinderten, denen es hier an Aufmerksamkeit, fachlicher Betreuung und Beschäftigung fehlt. Auf einem Treffen mit der SEDEGES, der zuständigen Regierungsorganisation für die Heime in Cochabamba wurden wir gebeten alles zu sagen, was uns hier missfällt. Dementsprechend äußerten wir auch alle unsere Zweifel. Wir reklamierten, dass es seit Wochen keine warme Duschen für 100 Mädchen gibt, dass die Sanitäranlagen nicht funktionierten, kein Hausmeister vorhanden sei, die Heime Jahr für Jahr weiter verfallen würden, die Behinderten nicht in diese Heime gehörten, es an Personal fehle, zu wenig Aktivitäten für die Kinder angeboten würden und noch vieles mehr. Die Chefin der SEDEGES notierte alles eifrig und verließ uns dann fluchtartig.
Erst an vielen kleinen Sachen ist mir hier aufgefallen, dass ich in einem der ärmsten Länder der Welt bin, in einem Entwicklungsland, in dem einfach nichts funktioniert. Die SEDEGES hatte uns Farbe zum Streichen versprochen, mehr Nahrungsmittel für unsere Versorgung hier und Hilfe wo immer es nötig sei. Nichts ist geschehen, den Schwimmbadausflug mit den Kindern, den sie uns großartig versprochen hatten, zahlten wir im Endeffekt fast selber, nachdem er dreimal im letzten Moment verschoben wurde, der Grillabend zu dem wir Voluntarier eingeladen wurden, fiel einfach aus. Von der bolivianischen Band, die dort auch hinkommen sollte, hörten wir nichts mehr. In diesem Land funktioniert nichts. Wenn die Leiter des Heimes um etwas bitten, dauert es oft ein halbes Jahr, so wie die Schubkarren die jetzt ankamen, nachdem sie im Juni bestellt wurden.
Für mich persönlich ist Bolivien die glaube ich schönste Erfahrung meines Aufenthaltes hier in Südamerika. Im Gegensatz zu Chile habe ich hier die Möglichkeit, mich selbst viel mehr zu verwirklichen. Alles was wir hier machen, hängt einzig und allein von uns ab. Wer einen Workshop anbietet, muss ihn selbst planen, teils die Materialien dafür einkaufen und ihn dann umsetzten.
Es ist schön zu sehen, wie gut das funktioniert, wenn man mit genug Eigeninitiative und Lust am Arbeiten, etwas umsetzt und damit auch noch die Kinder glücklich macht. Es ist auch erstaunlich, was man alles mit viel Einsatz und Wille an der Sache erreichen und verändern kann. Am schönsten ist es zu sehen, wie glücklich die Kinder dabei sind. Wie sie sich freuen, wenn ich zusage, dass wir am Abend Musik machen werden oder ich Gitarrenunterricht gebe, wir ein Feuer im Hinterhof machen oder einfach spontan einen Tanzabend veranstalten. Es ist echt toll einfach mal frei arbeiten zu können, ohne einen Tagesablaufplan wie im Kindergarten in Santiago zu haben und dabei zu sehen, dass es funktioniert, wenn man selbst etwas in die Hand nimmt, wie etwa die Schnitzeljagd, die ich mit Johanna spontan am Wochenende organisierte und die ein Riesenerfolg war.
Neben den Hauptarbeiten haben wir noch viele andere Projekte umgesetzt. Wir haben drei weitere Räume gestrichen, Vicky hat die Außenwand mit einem Kunstwerk verschönert, wir haben Fußballtore geschweißt, eine Psychologin und eine Physiotherapeuten für ein Jahr organisiert, ein Theaterstück umgesetzt und sehr viel bunt angemalt. Außerdem haben wir Reparaturen an den Heimen vorgenommen und dabei zum Beispiel die "Stromversorgung" wieder hergestellt.
An den Wochenenden haben wir fast immer "Extraaktivitäten" angeboten. Darunter waren ein 4-gängiges Gala-Menü, das wir für die Kinder zubereiteten, eine Verkleidungsparty und ein "Riesenleinwand-Kinoabend". Leider habe ich die nicht genug Zeit, um all die Ideen umzusetzen, die ich habe, denn man könnte hier noch ewig versuchen die Situation der Kinder zu verbessern, die alle so hilfsbereit und anhänglich sind.
Saludos de Bolivia
Robert Grossmann
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